Irrtum über „Einfache Sprache“




Wie setzen Schreiber und Sprecher verständliche Sprache richtig ein?

Auf der didacta 2026 in Köln hat der Deutschlandfunk sein Programm „Nachrichtenleicht“ vorgestellt. Dazu waren Experten in der Live-Sendung „Campus und Karriere“*) eingeladen. Gidon Wagner von Wortliga sprach in der Sendung über irrtümliche Vorstellungen von „Leichter“ und „Einfacher“ Sprache. Seine Gedanken hatte er kurz zuvor in einem Infobrief**) geteilt. Wir wollen sie (mit seinem Einverständnis!) als Anregung weitergeben:

Ich kritisiere immer wieder, dass Medien wie die Tagesschau das Hilfsmittel „Leichte Sprache“ für das große Publikum nutzen. Leichte Sprache verwendet extrem kurze Sätze und besondere Schreibweisen. Das eignet sich aber nicht für normale Leser. Noch schlimmer ist: Medien wie die Tagesschau und der Deutschlandfunk stellen Leichte Sprache als ein Werkzeug für alle Menschen dar, indem sie die Begriffe vermischen. Sie verwechseln dabei das L mit dem E. Nach den Definitionen von ISO und DIN ist „Leichte Sprache“ etwas völlig anderes als „Einfache Sprache“.

Das kann man sich mit dieser Eselsbrücke merken: L steht für Lernschwierigkeiten. E steht für einfach normal. Denn was in der DIN-Norm für „Einfache Sprache“ steht, könnte auch in einem Fachbuch für guten Stil oder für Journalisten stehen. Etwas ganz, ganz anderes ist die Leichte Sprache, auch wenn „einfach“ und „leicht“ leider Synonyme sind. Die Macher der Normen haben hier einfach sehr unglückliche Namen für ihre Definitionen gewählt.

Im englischsprachigen Raum gibt es die Norm für „Plain Language“ – auch sie ist mehr ein Stilratgeber, der die üblichen wertvollen Tipps gibt, wie man sie vom Sprachpapst Wolf Schneider kennt:

– Keine Schachtelsätze.
– Fachbegriffe erklären oder vermeiden.
– Struktur in die Absätze bringen.
Starke Verben und prägnante Wörter benutzen.

Einfache Sprache, also ganz normale, verständliche Sprache, hat nichts zu tun mit den extrem kurzen Sätzen der Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit Demenz, mit kaum vorhandenen Sprachkenntnissen. Für diese Menschen ist „Leichte Sprache“ eine wertvolle Hilfe.

Die normale, verständliche Sprache und „Leichte Sprache“ haben so viel gemein wie ein Turnschuh mit einem Rollstuhl. Beide helfen uns bei der Fortbewegung. Beide Sprachformen sollen Informationen übermitteln. Das ist schon ihre einzige Gemeinsamkeit.

„Einfache Sprache“ ist genau genommen ein falscher Begriff. Denn bei normaler, verständlicher Sprache geht es um viel mehr als Vereinfachung. Es geht um anregenden, guten, klaren Stil. Den braucht das Gehirn, um sich zu konzentrieren, sich Dinge zu merken, zu durchdringen; eben zu verstehen.

Für gute, verständliche Sprache sollte es keine extra Sektion und auch keine extra Nachrichten geben: Sie sollte die Norm sein, für jeden, der etwas Wichtiges zu sagen hat.

Infoportal 16.3.2026

*)
Campus & Karriere – Das Bildungsmagazin. Live von der Bildungsmesse didacta 2026 (https://www.deutschlandfunk.de/livestream-100.html)
13.3.2026 14:35 Uhr
Schwerpunkt: Nachrichten und Literatur in leichter Sprache
Thema: Information für alle? „Nachrichtenleicht“ auf dem Prüfstand

**)
„Jetzt bin ich etwas nervös…“ [Mail für Abonnenten] Gidon Wagner 13.03.2026, 12:56 Uhr

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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