„Der Bedarf an leicht verständlicher Berichterstattung war noch nie so groß“

Der Ukraine-Krieg bringt für die Medien, die über ihn berichten, viele Herausforderungen mit sich. Was fehle, seien aber Informationsangebote in leichter oder einfacher Sprache, sagt Journalismus-Professorin Dr. Tanja Köhler von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Gerade für die Integration und gesellschaftliche Teilhabe der vielen Flüchtlinge sei dies wichtig.
Der Krieg in der Ukraine ist das beherrschende Thema in den Medien. Fehlt Ihnen etwas in der Berichterstattung?
Tanja Köhler: Wir befinden uns mitten in einer historischen Krise. Ich weiß um die vielen Herausforderungen, die eine Berichterstattung über einen solchen Konflikt mit sich bringt. Ich habe deshalb großen Respekt vor den Journalistinnen und Journalisten, die über den Ukraine-Krieg berichten, ihn erklären und einordnen und dafür vor Ort auch ihr Leben riskieren.

Ein Aspekt ist mir aber wichtig. Die Vereinten Nationen sprechen von der am schnellsten wachsenden Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Menschen, die in Deutschland ankommen, sprechen kein oder kaum Deutsch und werden vermutlich sehr lange ein Teil unseres Landes sein. Es geht also um Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Ein entscheidender Faktor, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, ist der Zugang zu Informationen, und dazu zählt auch der Zugang zu journalistischer Berichterstattung.

Allerdings stellen journalistische Texte für Menschen mit fehlenden oder geringen Deutsch-Kenntnissen häufig unüberwindbare sprachliche Hürden dar. Deshalb ist der Bedarf an leicht verständlichen Informationsangeboten noch nie so groß gewesen wie derzeit. Darauf muss auch der Journalismus reagieren, indem er mehr Informationen in leichter oder einfacher Sprache anbietet.

Braucht es nicht eher fremdsprachige Informationsangebote beispielsweise in ukrainischer Sprache als in leichter oder einfacher Sprache?
Köhler: Das eine schließt das andere nicht aus. Allerdings geht es nicht nur um Integration, sondern auch um Inklusion. Denn es sind nicht nur Menschen mit geringen Deutschkenntnissen, die auf leicht verständliche Informationsangebote angewiesen sind. Denken Sie beispielsweise an Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Der LEO-Studie der Universität Hamburg zufolge haben außerdem rund 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland eine geringe Lesekompetenz. Diese Menschen haben Schwierigkeiten, journalistische Texte in Standardsprache zu verstehen. Auch bei diesen Menschen hat der Krieg in der Ukraine ein großes Informationsbedürfnis ausgelöst. Wir sprechen also nicht von Minderheiten, die auf verständliche und verlässliche Informationsangebote angewiesen sind, sondern von einer großen Zielgruppe.

Was passiert, wenn diese Zielgruppe nicht mitgenommen wird?
Köhler: Gerade in Zeiten von Krieg, Desinformation und Corona-Pandemie ist eine leicht verständliche Berichterstattung wichtiger denn je. Ohne den Zugang zu Informationen können diese Menschen auch kaum oder gar nicht an Demokratie partizipieren und informierte Wahlentscheidungen treffen. Im schlimmsten Fall haben sie nur Zugang zu Desinformationen, was demokratiegefährdende Auswirkungen haben kann. Der Journalismus sollte das Feld also nicht den Populisten überlassen.

Ist der Krieg in der Ukraine und die Darstellung der Hintergründe nicht zu komplex, um ihn in leichter beziehungsweise einfacher Sprache zu vermitteln?
Köhler: Solche Ereignisse einfach und verständlich zu formulieren, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn die professionellen journalistischen Qualitätskriterien gelten selbstverständlich auch für die sprachliche Vereinfachung, also beispielsweise eine objektive und zutreffende Beschreibung der Ereignisse, die weder wertend noch verharmlosend oder trivialisierend ist.

In leichter oder einfacher Sprache zu schreiben, bedeutet nicht, lediglich auf Fremdworte, Metaphern oder Nebensätze zu verzichten. Leichte Sprache hat feste Regeln. Redakteurinnen und Redakteure müssen also geschult werden, um solche Texte schreiben zu können. Grundsätzlich können auch komplexe politische Inhalte leicht verständlich vermittelt werden. Gerade die einfache Sprache erlaubt etwas mehr Ausdrucksmöglichkeiten als die leichte Sprache.

Müssen Medien generell einfacher beziehungsweise verständlicher berichten?
Köhler: Ich plädiere nicht für eine ausschließliche Berichterstattung in leichter oder einfacher Sprache. Es geht darum, den Journalismus inklusiver zu gestalten und dabei auch unterschiedliche Sprachniveaus zu berücksichtigen. Wenn wir von Diversität in den Medien sprechen, sollte es auch um Sprache gehen. Denn Transformation und Innovationen im Journalismus haben nicht nur mit neuen Technologien zu tun. Auch der Journalismus selbst muss sich weiterentwickeln. Dafür ist es erforderlich, sich mit den Bedürfnissen der Menschen auseinanderzusetzen und von den Nutzerinnen und Nutzern her zu denken.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Professorin Dr. Tanja Köhler, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Telefon 02241-865-9627, tanja.koehler@h-brs.de

11. Mai 2022
Daniela Greulich

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Veröffentlicht von

ruweadmin

Uwe Roth ist Journalist, Dozent für barrierefreie Kommunikation und Texter für die Einfache Sprache. Er arbeitet beim Deutschen Institut für Normung (DIN) an Regelwerken für die Leichte und Einfache Sprache mit. Er ist zudem Mitglied in der Plain Language Association International. Uwe Roth hat Sozialwissenschaften studiert, in Brüssel als Korrespondent gearbeitet und war zehn Jahre Redakteur in einem großen Medienhaus in Stuttgart.

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