Klein aber fein – Einfache Sprache in der Schweiz

Seit die Schweiz am 15.4.2014 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, welche am 15.5.2014 in Kraft trat, ist barrierefreie Kommunikation ein gesellschaftlich bekannteres Thema geworden. Erste Büros für Leichte Sprache entstanden im selben Jahr und die Bundesregierung begann Inhalte in Leichter Sprache zu publizieren. Im folgenden Jahr publizierte das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) ein Faktenblatt mit Erklärungen zur Leichten und Einfachen Sprache und nannte einige etablierte Anbieter. Seither gibt es verschiedene Angebote und Beispiele für die Übertragung von komplexer Sprache in Leichte und Einfache Sprache in der Schweiz.

Unscharfe Abgrenzung von Leichter und Einfacher Sprache

Leichte und Einfache Sprache werden im Allgemeinen in der Schweiz oft verwechselt oder vermischt. Grundsätzlich wird eher unter Fachleuten verstanden, dass die Leichte Sprache aus der Forderung nach Selbstbestimmung entstanden ist, und eine relativ homogene Zielgruppe bedient: Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit geistigen Behinderungen und mit kognitiven Beeinträchtigungen sowie Gehörlose. Während die Einfache Sprache, die vielen Menschen zu Gute kommt, z.B. Personen, die nicht gut Deutsch können, funktionalen Analphabeten:innen und Menschen mit einer Lese-Rechtschreibschwäche, als Mittel der leicht verständlichen und klaren Kommunikation verstanden wird.

Für diese Abgrenzung muss in der Schweiz noch stärker sensibilisiert werden, denn selbst in Google-Abfragen ist die Unterscheidung zwischen den beiden Sprachvarietäten noch nicht klar abgegrenzt. D.h. vorwiegend Fachleute aus den Bereichen Inklusion, Partizipation und bürgernahen Kommunikation unterscheiden in der Schweiz zwischen Leichter und Einfacher Sprache, welche sie oft mit dem europäischen Referenzrahmen vergleichen.

Dabei ordnen sie – vorwiegend in der deutschsprachigen Schweiz – die Leichte Sprache einem Leseniveau A1 bis A2 und die Einfache Sprache einem Niveau B1 bis B2 zu. Im französischen wie auch im italienischen Sprachraum wird die Leichte und Einfache Sprache noch weniger voneinander abgegrenzt.

Einfache Sprache Perlen aus der Schweiz

Sensibilisierung für die Notwendigkeit der barrierefreien Kommunikation und ein Diskurs über die Zweckmäßigkeit der vereinfachten Sprachvarietäten haben in den letzten Jahren dank Medienberichten stattgefunden. Die standardmäßige Anwendung von Leichter und Einfacher Sprache für eine zielgruppenorientierte und inklusive (Verwaltungs-)Kommunikation steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Dennoch: Einige Einfache Sprache Perlen gibt’s. Die Einfache Sprache kommt in der Schweiz seit 2015 kontinuierlich zum Einsatz und rückt Jahr für Jahr stärker ins Bewusstsein der Akteure. Nachfolgend einige Pionierleistungen der öffentlichen Hand:

Bundesebene:

Wahlanleitung Eidgenössische Wahlen (2019)
Die eidgenössischen Wahlen 2019 wurden den Stimmbürger:innen in Einfacher Sprache und mit einem Erklärvideo erklärt. [Link zur Wahlanleitung 2019]

Nationale Informationen zur Covid-19-Impfung (2021)
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) wählte für ihre neue COVID-19-Impfkampagne im 2021 die Einfache Sprache. In Zusammenarbeit mit einer Werbeagentur und Spezialisten für Einfache Sprache wurden Aufklärungsbögen, Patienteninformationen, Merkblätter und Checklisten auf Verständlichkeit geprüft und verbessert. [Informationen zur Covid-19-Impfung]

Gemeinde Ebene:

Stadt Uster – Stadt für alle (2016-2020)
Uster ist eine politische Gemeinde im Schweizer Kanton Zürich. Mit dem vierjährigen Projekt «Inklusionsstadt Uster» bemühte sich die Gemeinde u.a. sichtbare und unsichtbare Barrieren unter breiter Mitwirkung abzubauen. Einfache Sprache und zugängliche Information waren u.a. Handlungsfelder des Projektes. Mit dem Projekt ist die Stadt Uster eine Stadt für alle zu werden, ein grosses Stück nähergekommen und gilt damit zu den Einfache Sprache Pionieren. Und im 2022 werden erstmals die Wahlunterlagen für die Erneuerungs- und Majorzwahlen in Einfacher Sprache verschickt. [Link zum Abschlussbericht Inklusionsstadt Uster] [Link zu den Handlungsfeldern der Stadt Uster]

Stadt Winterthur – Wie das Stadtrichteramt Winterthur Sprachbarrieren abbaut und damit Mehreinnahmen erzielt (2020)
Winterthur ist eine Schweizer Stadt, die nordöstlich von Zürich in der Nähe der deutschen Grenze liegt. Im März 2020 übernahm Sylvia Huber die Leitung des Stadtrichteramts in Winterthur. Seither stellt sie die Bedürfnisse der Einwohner:innen ins Zentrum ihrer Arbeit. Das Team um Sylvia Huber setzt seither darauf, Strafbefehle und andere wichtige Dokumente in Einfacher Sprache bereitzustellen. Neben den rechtlichen Konsequenzen wird auch der Tatbestand in verständlicher Sprache erklärt: so verstehen die gebüßten Personen des Stadtrichteramts Winterthur besser, aus welchem Grund sie bestraft werden und sind damit eher bereit, die Busse zu bezahlen. [Link zum Artikel im Stadtlabor]

Nachfolgend einige Beispiele von aktuellen Pilotprojekten:

Stadtrichteramt Zürich – Innovationsprojekt «Einfache Sprache leichtgemacht» (2021)
Die Stadt Zürich liegt im östlichen Schweizer Mittelland, an der Limmat am Ausfluss des Zürichsees. Sie ist ein globales Zentrum der Kultur-, Bank- und Finanzwirtschaft und wächst seit Jahren stark. Um das Stadtrichteramt Zürich weiterhin als dienstleistungsorientiertes, bürgerfreundliches und innovatives Rechtsamt zu positionieren, wurde 2021 das Projekt «Einfache Sprache leichtgemacht» initiiert und mit dem Innovationskredit von Smart City unterstützt. Der Versuch, der während einem Jahr umgesetzt wird, soll mittelfristig ebenfalls anderen Abteilungen der Stadt Zürich als Vorbild dienen, wie die Verwaltung einfacher und direkter mit Anwohner:innen kommunizieren kann. [Link zum Smart City Innovationsprojekt]

Haus Konstruktiv Zürich – Wegleitung in Einfacher Sprache (2021)
In einem Pilotversuch testet das Museum Haus Konstruktiv eine Wegleitung in Einfacher Sprache für den «Rockefeller Dining Room». [Link zur Wegleitung in Einfacher Sprache]

Kanton Bern – Einfache Sprache: zielgruppengerecht informieren und kommunizieren
Im Kanton Bern liegt die Bundesstadt Bern. Einfache Sprache kommt beim Internetauftritt des Kantons bereits zum Einsatz. Einfache Sprache soll in der Kommunikation künftig grundsätzlich berücksichtigt werden. In gewissen Bereichen sieht der Regierungsrat des Kantons auch vor, Leichte Sprache einzusetzen. Die Umsetzung ist frühestens ab 2023 geplant. Die Website der Bundesstadt Bern ist insgesamt einfach und zugänglich gestaltet und bietet auch Informationen in Leichter Sprache an. [Link zu den News der Stadtkanzlei vom 25.3.2021] [Link zur Stadt Bern]

Kanton St. Gallen & Stadt St. Gallen – Die Stadt St. Gallen prüft, Texte zu vereinfachen, wie es der Kanton schon macht.
St. Gallen ist ein Kanton in der Deutschschweiz und liegt in der Region Ostschweiz. Der Kanton St. Gallen bietet einen kleinen Teil seiner Webseite in Leichter Sprache an. Künftig sollen einige der städtischen Informationen verständlicher werden, denn die Stadt St. Gallen plant Teile ihrer Website in Einfache Sprache zu übersetzen. [Link zum Kanton St. Gallen] [Link zum Tagblatt-Artikel]

Ein Blick ins Kristallglas

Die oben erwähnten Beispiele verdeutlichen, dass der Nutzen der Einfache Sprache auch in der Schweiz erkannt wurde. Aus diesem Grund könnte ein Blick ins Kristallglas zeigen, dass künftig mehr Inhalte in Einfacher Sprache publiziert werden. Das wäre zumindest wünschenswert. Die fortschreitende Digitalisierung sowie Social Media bieten ein großes Potenzial für die weitere Anwendung der Einfachen Sprache. Und die Corona-Pandemie akzentuierte die Notwendigkeit von Inhalten in Einfacher Sprache. Experten:Innen der Einfachen Sprache haben daher auch im 2022 gute Chancen, sich entsprechend bei Kommunikations-Agenturen und Akteuren der öffentlichen Hand einzubringen und leicht verständliche und klare Kommunikation weiter zu propagieren.

23.01.2022
Melinda Melcher, Geschäftsführerin simpletext GmbH

Veröffentlicht von

ruweadmin

Uwe Roth ist Journalist, Dozent für barrierefreie Kommunikation und Texter für die Einfache Sprache. Er arbeitet beim Deutschen Institut für Normung (DIN) an Regelwerken für die Leichte und Einfache Sprache mit. Er ist zudem Mitglied in der Plain Language Association International. Uwe Roth hat Sozialwissenschaften studiert, in Brüssel als Korrespondent gearbeitet und war zehn Jahre Redakteur in einem großen Medienhaus in Stuttgart.

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